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Das Musikprojekt Klangradar – warum ist dieses Lernsetting so gut?

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Mit welchem Personal und mit welchem Setting lassen sich meine Vorstellungen von Lernen am besten umsetzen? Diese Frage stelle ich mir immer wieder, vor allem dann, wenn ich wieder mal merke, wie wir Lehrpersonen zum Einzelkampf tendieren. Oder wenn ich wie verzweifelt versuche, in einzelnen Unterrichtsstunden eine über die 45 Minuten hinaus deutende Sinnhaftigkeit und Nachhaltigkeit für die Schülerinnen und Schüler zumindest zu ermöglichen und daran scheitere. Im Rückblick auf das letzte Schuljahr zeigt sich für mich, dass das Musik-Projekt Klangradar, das ich mit meiner sechsten Klasse durchführen durfte, auf vielen Ebenen die richtigen Weichen stellte. Und auch mich dabei zufrieden zurück ließ.

Was ist Klangradar?

Von Februar bis Mai 2022 kam die Freiburger Komponistin Vasiliki Kourti-Papamoustou jede Woche in die Doppelstunde Musik meiner sechsten Klasse und erforschte mit den Schülerinnen und Schülern Klänge. Klangradar zählt zu Hör.Forscher! und ist ein gemeinsames Programm des Netzwerks Junge Ohren, der Stiftung Zuhören und der PwC-Stiftung, Burkhard Friedrich hatte die Leitung inne. Ziel des Projektes ist es eigentlich, in Berlin zusammen mit anderen Klassen aus Deutschland, die Projekte auf einer großen Bühne aufzuführen. Wir planten dieses Jahr aber von vornherein mit einer digitalen Aufführung und einem kleinen Konzert in unserer Schule. Das Thema Abenteuer war die Überschrift und der Leitfaden des Projektes. Zunächst wurden Abenteuer-Bilder gestaltet, dann spannende Klänge gesucht.

Abenteuer-Bild eines Schülers

Klänge wurden mit Papier, mit Gläsern und auch einigen Instrumenten erzeugt. Die klanglichen Zwischenergebnisse wurden immer wieder aufgenommen und in der nächsten Woche gemeinsam überprüft. Nach und nach entstand eine Komposition, die aus mehreren Gruppenteilen und Tutti-Stellen der ganzen Klasse bestand. Das allermeiste hatten sich die Schülerinnen und Schüler selbst ausgedacht, in passende Reihenfolgen gebracht und geübt. Vania, wie wir die Komponistin alle nannten, griff aber auch immer wieder gestalterisch ein und fügte das ganze Stück zusammen.

Aufregend war dann eine professionelle Videoaufnahme mit einem Tontechniker und einem Regisseur, in der das folgende Video entstand – ein kleiner Ausschnitt unserer ganzen Komposition „Der atemberaubende Klang“:

Abschlusspräsentationen Hör.Forscher! 21/22

Am Abschlusstag des Projektes nahmen wir vormittags mit der Klasse an der digitalen Abschlusspräsentation teil, in der wir das verlinkte Video das erste Mal sehen durften. Entsprechend groß war die Aufregung. Alle teilnehmenden Klassen bekamen ein begleitendes Paket, das die Präsentation im Klassenraum versüßte. Schließlich gab es am Abend das Konzert, auf dem die Schülerinnen und Schüler das Werk zwei Mal aufführten, dirigierten und zwischendurch moderierten. Soweit ein grober Überblick, wie wir gearbeitet haben. Doch was war jetzt das spannende aus meiner Wahrnehmung und aus Sicht der Schülerinnen und Schüler?

Teamarbeit mit Profis

Das Projekt hat mir gezeigt, wie sinnvoll es ist, im Team mit externen Personen zu arbeiten. Vor allem war das Vania, die mir zu jeder Doppelstunde einen Verlaufsplan schickte, den wir gemeinsam überarbeiteten – sie plante aus ihrer Sicht der Komponistin, ich hatte oft zeitliche und organisatorische Anmerkungen. In den Musikstunden baute sie eine enge Beziehung zu der Klasse auf und brachte die Arbeiten immer wieder zusammen. Dann war Burkhard Friedrich gelegentlich dabei, der als Komponist schon jahrelang das Klangradar-Projekt durchführt und uns daher bei Fragen immer wieder wertvolle Tipps geben konnte. Schließlich sind auch der Regisseur und Tontechniker zu nennen, die mit ihrem Equipment und ihren Fähigkeiten ein Video erstellen konnten, das was hermacht. Nicht zuletzt auch Anna Peters, die die ganze Organisation im Netzwerk Junge Ohren managte. Durch diese Mischung an Menschen ergab sich eine Dynamik, die ich alleine im Klassenraum nicht hätte erzeugen können, und die Schülerinnen und Schüler bekamen neue Eindrücke von spannenden Menschen und Berufen.

Ein echtes Ziel

Ein echtes Ziel? Dieser Punkt scheint trivial, aber all zu oft fehlt im Schulunterricht ein echtes und greifbares Ziel. Die Schülerinnen und Schüler hatten in dem ganzen Klangradar-Projekt ein solches klares Ziel vor Augen. Bei der Auseinandersetzung mit experimentellen Klängen, die vom Papierrascheln bis zur Trommel reichten, scheint mir das ungemein wichtig, weil sonst schnell die Frage bei den Kindern auftaucht: Warum machen wir das eigentlich? Oder: Können wir jetzt auch mal wieder richtige Musik machen? Weil der Rahmen von Klangradar so klar war, stellten nur einzelne Schülerinnen und Schüler gelegentlich solche Fragen, die Mehrheit arbeitete zielstrebig. Die bevorstehende Videoaufnahme und das Konzert sorgten dann für besonders konzentriertes Arbeiten Richtung Ende des Projektes und ein Erlebnis, das (so hoffe ich) für die Schülerinnen und Schüler über den Klassenraum hinaus weist.

Videoaufnahme für die Abschlusspräsentation

Selbstbestimmung und soziales, kreatives Lernen

Das eigene Kreativwerden war Vania besonders wichtig, weshalb Vania die Schülerinnen und Schüler viel selbst entscheiden ließ: Welche Abenteuer habt ihr erlebt? Wie klingen diese Abenteuer? Wie arrangiert und komponiert ihr in Kleingruppen? Was wünscht ihr euch für die Aufführung? Daraus wurde ein riesiges Feld für soziales und kreatives Lernen. Vor allem in den Kleingruppen musste sich immer wieder abgestimmt werden, mit der Lautstärke musste umgegangen werden oder eine Dirigentin musste bestimmt werden. Im Plenum brauchte es schließlich Konzentration fürs Üben, Besprechen und Reflektieren. Für unsere Klasse, in der es viele Konflikte untereinander gab, war das eine riesige Herausforderung. Aber genau daran zu arbeiten und lernen ist doch das Wichtige, aus meiner Sicht. Die Belohnung waren dann die positiven Gemeinschaftserlebnisse.

Feedback und Fazit

Wie haben die Schülerinnen und Schüler Klangradar erlebt? Hier ein paar Auszüge aus dem anonymen Edkimo-Feedback:

Das fand ich super: “Wie wir als Team zusammen gehalten haben”, “Das man aus allen Klängen Musik machen kann”, “Wir hatten eine echte Komponistin in der Klasse ! Das war echt super!”

Das fand ich schwierig: “Ich fand schwierig , dass wir oft laut waren.”, “Das Stück zu organisieren”, “die Gruppenarbeit”

Das nehme ich mit / Was hat dir das Projekt persönlich gebracht?: “Ich finde das Projekt, insbesondere die Aufführung hat uns als Klasse wieder ein Stück mehr zusammen geschweißt”, “Das man aus jedem Gegenstand Musik machen kann.”

Feedback zu Klangradar

An diesem Feedback aber auch an all den anderen genannten Punkten wird denke ich klar, warum ich solche Unterrichtsformen und Lernsettings wie bei Klangradar so gelungen finde. Leider muss ich auch sagen, dass das ganze Organisatorische drum herum (Termine finden, Räume blocken usw.) viel Zeit kostete. Doch gerade weil ich von der Sinnhaftigkeit solcher Projekte so überzeugt bin, würde ich so etwas ähnliches gerne in viel mehr Klassen durchführen. Letztlich ist das also eine Ressourcen-Frage. Vielen Dank, auf jeden Fall allen Beteiligten für das sehr inspirierende Projekt!

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