Lernen im digitalen Wandel

4 Montessori-Gedanken zum Schulsystem

Montessori – davon haben die meisten wohl schon mal etwas gehört. Ich habe vor ein paar Tagen an einem viertägigen Montessori-Kurs in Biberkor bei Claus-Dieter Kaul teilgenommen. Das war nicht nur sehr inspirierend sondern hat auch viele Fragen aufgeworfen, die mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf gehen wollen. Ich hatte und habe weiterhin Zweifel an ‚der‘ Montessori-Pädagogik (es gibt sich stark widersprechende Montessori-Lager) und bei vielen Punkten denkt man sich vielleicht: „Das kann man doch eh nicht in Regelschulen und im Alltag umsetzen.“ Meiner Meinung nach regen aber alle vier Gedanken, die ich herausgesucht habe, dazu an, über eine zeitgemäße Grundkonzeption von Schule und Lernprozessen im Bildungssystem nachzudenken. Im Zuge dieser Gedanken verändert sich zum Beispiel auch die Sicht auf das Lernen mit digitalen Medien, aber letztlich rütteln sie an sehr vielen Pfeilern des heutigen Schulsystems.

Resonanz, Entschleunigung, Achtsamkeit

Tasten, Fühlen, mit der Stimme in Beziehung zur Welt treten oder „ein Anderes“ wahrnehmen – das sind für den Soziologen Hartmut Rosa eigentlich ganz natürliche Eigenschaften von Menschen. Laut Rosa geht im Bildungssystem diese Resonanzfähigkeit aber teilweise verloren. Zeitdruck, Optimierung und Bewertung sind für ihn die Zwänge, die auf die Kinder ebenso wie auf die Erwachsenen einwirken. Für Rosa stellen sich daher als zentrale Fragen: Von was werde ich berührt? und: Wo fühle ich mich lebendig und selbstwirksam? Auch Schule sollte in diesem Sinne als Resonanzraum verstanden werden, wie es Jens Beljan in seinem 2017 erschienenen Buch „Schule als Resonanzraum und Entfremdungszone“ aufzeigt, das ich unbedingt noch lesen möchte.

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In seinem Resonanzdreieck erreicht z.B. die Lehrperson die Lernenden durch Begeisterung, die Lernenden sind gefesselt, fühlen sich aufgehoben, sind offen und die Sache eröffnet bedeutungsvolle Herausforderungen.

Für die Montessori-Pädagogik spielt dieses in-Resonanz-Treten eine zentrale Rolle, weil es der Schlüssel ist zur Entschleunigung und Achtsamkeit.

Freies Lernen zwischen Spiel und Disziplin

Mit Montessori-Schulen oder -Kindergärten verbinden viele in erster Linie die Materialien und tatsächlich sind sie ein wichiger Bestandteil ihrer Pädagogik. Sie geben den Lernenden selbstbestimmt eine Vielzahl von Spiel- und Lernmöglichkeiten. Dabei gibt es keine richtigen und falschen Spielweisen, es gibt nichts Unterfertiges und es gibt immer mehrere Wege ein Spiel zu spielen. So sieht es zumindest Kaul und grenzt sich damit auch von sehr dogmatischen Montessori-Ansätzen ab. Das Material sei nicht dazu da, etwas Überprüfbares zu leisten. So ist z.B. der Zugang zur Mathematik in der Montessori-Pädagogik spielerisch angelegt, wenn etwa mit Klötzchen oder Perlen die Addition und Subtraktion erlernt wird. Das folgt dem von André Frank Zimpel herausgegebenen Motto „Spielen macht schlau“. Stattdessen findet in der Regelschule allzu oft eine strikte Unterscheidung von Spielen und Lernen statt, wobei das Spielen mit zunehmendem Alter immer weiter zurückgedrängt wird. Im Sinne der Montessori-Pädagogik soll dieses Spielen in ausgedehnten Freiarbeitsphasen passieren, die für Kaul eigentlich „Freispiel“ heißen müssten. Hier geht es schon ab der Kita um Selbstbestimmung ohne alleine gelassen zu werden. Dabei steht die Pädagogik immer in dem Spannungsverhältnis von Freiheit, Disziplin und Struktur. Nur wer Disziplin und Struktur erfahre, könne sich als freier Mensch entfalten, so Maria Montessoris These. Die Struktur kann sich beispielsweise in Routinen und in den Strukturen der Materialien zeigen, die Disziplin im Umgang Miteinander und durch das Gewähren von Freiheiten.

Vorbild sein ohne zu erklären und zu bewerten

Das Freispiel wird von der Lehrperson durch freiwillige Präsentationen oder Darbietungen strukturiert, in denen Materialien präsentiert oder wiederholt werden. Dabei zeigt die Lehrperson, wie sie das Spiel spielt, bringt ihre Erfahrung ein, erzählt Geschichten und ist ein Vorbild. Dabei verabschiedet man sich von der verbreiteten Vorstellung, dass die Lehrperson den Lernenden etwas Erklären könne. Stattdessen folgt man der Theorie des Konstruktivismus, nach der Lernende nur selbst lernen können. Auf der anderen Seite bedeutet das: Die Lehrperson soll nicht bewerten und nicht korrigieren. Kein Lob und kein Tadel heißt die Losung, die Maria Montessori ausgegeben hat. Stattdessen sieht sie vor, Kindern Aufmerksamkeit zu schenken. Das wirft ganz grundlegende Fragen auf die Erziehungsarbeit von Eltern. Hier wird es aber auch für das System Schule besonders interessant, weil doch ein Großteil des Schulunterrichts dem Bewerten und Korrigieren gewidmet ist. Auch Sternchensysteme üben im Sinne der gewaltfreien Kommunikation permanent Druck aus. „Gut gemacht“ sollte es laut Montessori demnach nicht oder kaum mehr geben, stattdessen „Ja, ich seh‘ dich!“, die Beschreibung von Details des Ergebnisses oder „Ich freue mich mir dir!“ Das hat z.B. Alfie Kohn in ihren „Fünf Gründe gegen ‚Gut gemacht!'“ ausgeführt.

Friedenserziehung

Übergeordnet war für Maria Montessori immer Friedenserziehung, die ganz grundlegend beginnt:

Die Anerkennung der Rechte des Kindes bedeutet, das Kind als einen Menschen zu betrachten, “der seine eigene Würde hat, seine Rechte auf Leben und auf Schutz – nicht so sehr auf Schutz für seine Schwäche (…), sondern für die grenzenlose Größe, die in ihm liegt” (Montessori, M. 1989: Die Macht der Schwachen, S. 95f).

Diese Friedenserziehung soll überall und immer angewandt und vorgelebt werden. Sie geht aus den anderen drei Gedanken hervor.

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